Die Methode
Wie alles anfing – die IPT als kontinuierlicher Entwicklungsprozess, damit Paare das in einer Paartherapie bekommen, was sie suchen.
Sehen, Urteilen, Handeln
Die IPT wurde auf der Grundlage des Mottos Sehen, Urteilen, Handeln entwickelt:
- Sehen: Was brauchen Paare, die in eine Paartherapie kommen?
- Urteilen: Was sagt wissenschaftliche Forschung zum Gelingen einer Ehe und Partnerschaft?
- Handeln: Entwickeln eines klar strukturierten, zielorientierten Therapieplans.
Dieser völlig neue Ansatz einer Paartherapie wurde in der Dissertation Integrative Paartherapie, Grundlagen–Praxeologie–Evaluation (Sanders 1997) beschrieben und mit der Promotion zum Dr. phil. durch die Philosophische Fakultät der Universität Münster summa cum laude gewürdigt.
Die wissenschaftlichen Wurzeln
Carl Rogers – die Haltung
Durch positive Erfahrungen in Gruppen bei den Pfadfindern (DPSG) kam Rudolf Sanders in Kontakt mit den Werken von Carl Rogers (1973, 1974). Seine Haltung, Menschen zu ermöglichen, zu einer Selbstexploration, zu einem selbstbestimmten, aber auch verantwortlichem Handeln zu führen, hat die IPT sehr geprägt. Mittlerweile wurde durch experimentalpsychologische und neurobiologische Forschungsergebnisse sein Ansatz von der voll funktionstüchtigen Persönlichkeit bestätigt (Kuhl & Quirin 2025, S. 289).
Hilarion Petzold – Integrative Agogik
Anfang der 80er Jahre stieß Sanders auf Hilarion Petzold in Form des Buches Gestaltpädagogik – Konzepte der integrativen Erziehung (Petzold & Brown 1977):
„Der Gestaltansatz will für den Menschen, der als Leib-, Geist-, seelische Ganzheit im sozialen ökologischen Umfeld verstanden wird, eine ganzheitliche Agogik entwickeln, die neue Wege des Lehrens und Lernens geht. Ihr Ziel ist es, zu menschlicherem Lernen für eine menschlichere Gesellschaft beizutragen. […] Wir beabsichtigen nicht, eine geschlossene Theorie vorzulegen, sondern Konzepte, die miteinander in Korrespondenz stehen und zu weiterer Auseinandersetzung anregen sollen.“ (Petzold & Brown 1977, S. 5)
Daraus entstand der Begriff „Integrative Agogik“ – nach Pädagogik, Andragogik und Geragogik, verbunden mit der Forderung nach einer éducation permanente.
Klaus Grawe
Psychologische Therapie (Hogrefe)
Eckhard Roediger & Matias Valente
Schematherapie – Kontextuell, prozessbasiert, interpersonal (Schattauer)
Klaus Grawe – die Grundbedürfnisse und die Wirkprinzipien
Von großer Bedeutung waren die Forschungsarbeiten zur Paartherapie von Klaus Grawe (1998, 2004). Er nutzt die Grundlagen der psychischen Gesundheit für den ersten Kontakt, um eine therapeutische Beziehung aufzubauen:
- Grundbedürfnis nach Bindung: Ein Starker hilft einem Schwachen – „Ich bin zuverlässig für Sie da!“
- Grundbedürfnis nach Orientierung und Kontrolle: „Ich erkläre alles, was ich mache und warum.“
- Grundbedürfnis nach selbstwerterhöhenden Erfahrungen: „So der Alltag läuft bei Ihnen, und die Kinder werden auch versorgt, das ist doch gut, großartig!“
- Grundbedürfnis, Unlust zu vermeiden: Wenn man im ersten Kontakt so eine Willkommenskultur erlebt, hat man Lust auf mehr.
So werden im ersten Kontakt Hoffnung auf Verbesserung induziert und Selbstheilungskräfte aktiviert. Grawe wies zudem auf die Bedeutung der Schemata des Einzelnen für die Beziehungsgestaltung hin (Grawe 1986) – Beziehungsschemata, deren Klärung und Bewältigung für ihn die wichtigsten therapeutischen Grundprinzipien sind (Grawe 1996):
„Denn wenn ein Paar sich wegen Paarproblemen in Therapie begibt, sind es die Individuen, die unter der schlechten Paarbeziehung leiden. […] Der Mensch braucht andere Menschen so existenziell wie die Luft zum Atmen.“ (Grawe 1998, S. 618)
Mehr zu Klaus Grawe als Lehrmeister erzählt Rudolf Sanders in seinem Blog Gelingende Beziehungen: planetpsy.de – Bindung heilt: wie frühe Beziehungserfahrungen unsere Partnerschaften prägen.
Eckhard Roediger – die Schematherapie und die Modi
Eckhard Roediger (2009, 2025) hat die Schematherapie in Deutschland bekannt gemacht und Handwerkszeug zur Verfügung gestellt, um den Schemata auf die Spur zu kommen. Er machte deutlich, dass es die Modi sind, die bisher die Antwort auf die Schemata waren – und dass genau diese Modi in einer Paarbeziehung verändert werden können (Roediger & Frank-Noyen 2020). Daraus lassen sich die Lernziele des Einzelnen für ein wohlwollendes und förderliches Miteinander ableiten.
Renate Lissy-Honegger – körperorientierte Arbeit
Renate Lissy-Honegger hat zur Weiterentwicklung der IPT durch ihre körperorientierte Arbeit auf der Grundlage von Rudolf Laban wichtige Impulse geliefert. Die spezifische Wirksamkeit dieser Arbeit hat sie durch eine Masterarbeit am Institut für Pastoraltheologie und Pastoralpsychologie an der Universität Graz nachgewiesen (Lissy-Honegger 2015).
Mit der Übernahme der Leitung der Eheberatungsstelle Hagen, Iserlohn und Menden setzte Rudolf Sanders diese Erfahrungen in seiner Arbeit mit Paaren um. War die Arbeit mit Paargruppen zunächst nur als „Notlösung“ geplant, um Wartelisten zu entlasten, wurde sie zu einem Erfolg (Kröger & Sanders 2002, 2005; Sanders 2018).
Von der Persönlichkeitsstörung zur Störung des Miteinanders
Ein zentraler Baustein der IPT ist der Wechsel der Sichtweise von der Persönlichkeitsstörung eines Einzelnen im ICD-10 hin zur Störung der Interaktion und Kommunikation im ICD-11, die sich in der nahen Zwischenmenschlichkeit einer Ehe abspielt.
Die alte Klassifikation im ICD-10 nach bestimmten Subtypen (z. B. paranoide, schizoide, dissoziale, histrionische, zwanghafte, ängstlich-vermeidende und abhängige Persönlichkeitsstörung) wurde aufgegeben; lediglich die Borderline-Persönlichkeitsstörung bleibt als einziger spezifischer Typ bestehen (Bach et al. 2025). Im ICD-11 wird bei einer Persönlichkeitsstörung nur noch der Schweregrad unterschieden – definiert als eine Störung von Aspekten des Selbst und des interpersonellen Funktionierens, also der Beziehung zu sich selbst und zu anderen.
Da diese Störungen unterdiagnostiziert werden, lässt sich aufgrund von Studien eine hohe Prävalenz in der allgemeinen Bevölkerung in Deutschland feststellen (Bach et al. 2025, S. 21). Dies korrespondiert mit einem Ergebnis der bisher größten prospektiven Untersuchung zur Paartherapie in Deutschland mit 554 Paaren: 40 % der Paare profitieren in einem klinisch bedeutsamen Sinne von der Intervention. Paare mit anfänglich hoher Belastung können sich dagegen oft nicht verbessern, brechen vorzeitig ab und trennen sich in der Folge (Roesler 2019) – vermutlich, weil es sich bei diesen Paaren um nicht diagnostizierte Persönlichkeitsstörungen unterschiedlicher Ausprägung handelt. Mehr dazu, welche Paare besonders von der IPT profitieren, auf der Seite Für wen ist die IPT?
Das kontextuelle Metamodell – warum Paartherapie wirkt
Eine Antwort auf die Frage, was letztlich das Wirksame an der IPT ist, liefert das Kontextuelle Metamodell (Wampold, Imel & Flückiger 2018), das die Wirksamkeit der IPT auch hinsichtlich der Prävention psychischer Störungen erklärt (Kröger & Sanders 2018). Nicht ein spezifisches „Arzneimittel“ hilft einem Paar, sondern das Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren, wobei der Rolle der Therapeutin eine zentrale Bedeutung zukommt.
Die grundlegende Aussage: Der Nutzen der Psychotherapie entsteht durch soziale Verarbeitungsprozesse und das damit verbundene persönliche Engagement der Klienten. Da wir soziale Wesen sind, können wir durch soziale Mittel geheilt werden – Klienten müssen im Rahmen der Beziehungsgestaltung in der Therapie signifikant andere Beziehungserfahrungen machen als die, die sie in ihrer Kindheit zu Hause erfahren haben (Grawe 1998).
Die drei Wirkfaktoren der IPT
Die Ergebnisvarianz, die durch die Person des Therapeuten – etwa seiner Fähigkeit, eine Allianz zu formen – erklärt wird, ist für eine erfolgreiche Therapie bedeutsam (Wampold et al. 2018, S. 323).
- Echte Beziehung. Die therapeutische Allianz zeichnet sich durch ein Beziehungsangebot aus, das man als begrenzte und begrenzende feinfühlige, elterliche Zuwendung beschreiben kann (Grawe 1998; Roediger 2016).
- Erwartungen. Bereits im ersten Gespräch ist es zentral, den Zusammenhang zwischen maladaptiven Schemata und den daraus sich entwickelnden Modi psychoedukativ zu erläutern (Roediger & Valente 2025). Der Hinweis, dass und wie konkret die Modi sich im Rahmen der IPT zu adaptiven Beziehungsmustern verändern, motiviert für den Prozess und induziert Hoffnung auf Verbesserung – diese Hoffnung ist für Grawe (1998) im ersten Kontakt ausschlaggebend, da sie Selbstheilungskräfte aktiviert.
- Behandlungsdurchführung. Es liegt ein lernzielorientierter Therapieplan vor (Sanders 2022). Damit die Wirksamkeit der IPT gewährleistet bleibt, wenn dieser Plan eingehalten wird, wurde er durch Bildmarke und Logo unter dem Namen PartnerSchule Dr. Rudolf Sanders® geschützt.
Wenn die Veröffentlichungen zur IPT als ein beliebiger Methodenkoffer begriffen werden, aus dem man sich Anregungen für die nächste Sitzung holt, ist die Gefahr groß, dass man selbst und auch die Paare von der angepriesenen PartnerSchule enttäuscht werden. So dringend zum Beispiel das Problem einer unbefriedigenden Sexualität auch im Anfangsgespräch geschildert wird, führt es doch in die Irre, wenn man nicht zuvor die in der Kindheit entstandenen Bindungsmuster verstanden hat und gegebenenfalls gelernt hat, aus einem vermeidenden ein sich öffnendes zu generieren.
Zielorientierung: „Lieber mit dem alten etwas Neues als mit einem neuen das Alte“
Den Empfehlungen von Klaus Grawe folgend werden in der IPT die Klärungs- und Bewältigungsperspektive – aus deren Sicht die wichtigsten therapeutischen Wirkprinzipien (Grawe 1996) – miteinander verbunden und umgesetzt. Insbesondere die Zielvorgabe „Lieber mit dem alten etwas Neues als mit einem neuen das Alte“ ist für Paare hoch motivierend.
Dank der Neuroplastizität unseres Gehirns ist es möglich, dass wir uns bis zu unserem Lebensende weiterentwickeln können. Das bedeutet für Paare: Wenn z. B. einer ein maladaptives Beziehungsschema hat, wie etwa ein vermeidendes Bindungsmuster, kann er dieses zu einem sicheren durch signifikant neue Selbstwirksamkeits-Erfahrungen hin entwickeln und festigen.
Erlebnisorientiertes Lernen
Zusammengefasst handelt es sich bei der IPT um eine erlebnisorientierte Erwachsenenbildung im Sinne von Konfuzius (2500 v. Chr.): Erzähl mir etwas und ich werde es vergessen, lass mich zuschauen und ich werde es erinnern, lass es mich selbst tun und ich werde es können. Denn „Reden ist Silber, real erfahren ist Gold“ (Grawe 1995, S. 136).
Gekoppelt ist dies mit einer therapeutischen Haltung, die dem Problem eines Paares selbst nicht zu viel Aufmerksamkeit schenkt, weil dadurch nur die neuronalen Erregungsmuster unnötig verstärkt werden. „Natürlich heißt das nicht, dass man sich nicht mit den Ängsten und Befürchtungen befassen sollte, aber man sollte aufpassen, dass dies nicht zum Hauptschwerpunkt der Therapie wird. Stark vereinfacht ausgedrückt: etwas Positives hinmachen ist für den Therapieerfolg wichtiger als etwas Negatives wegmachen.“ (Grawe 2004, S. 351)
Eine Beziehung auf Augenhöhe
Bei der Erforschung der Ursachen, die Paare in eine Therapie führen, wurde deutlich, dass die Fähigkeit zur Gleichberechtigung einer Ehe auf Augenhöhe noch wenig eingeübt ist (Sanders 1997). Das Verhältnis von Frau und Mann in Europa der letzten 1000 Jahre war gekennzeichnet von der Vorherrschaft des Mannes. Erst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts entstand durch die Aussagen zur Gleichberechtigung im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland (1949) und durch das Gesetz zur Reform des Ehe- und Familienrechts (1976) zumindest juristisch die Möglichkeit, eine gleichberechtigte Partnerschaft zwischen Mann und Frau zu leben.
So wurde der Dissertation zur IPT der Untertitel „Eine pädagogische Intervention zur Förderung der Beziehung von Frau und Mann als Partner“ beigefügt. Dieses Ziel durch die Therapie zu erreichen, ist bis heute das Herzstück der IPT. Viele Paare müssen erst lernen, einander wirklich zuzuhören, sodass das, was man sagt, auch wirklich beim Anderen ankommt – dazu muss der Zuhörer zunächst lernen, seine Impulse zu suspendieren. Ein weiteres Beispiel ist die mangelnde Fähigkeit, Nähe und Distanz zu regulieren.
Ein kontinuierlicher Kreislauf der Entwicklung
Jede Paartherapeutin ist eingebunden in einen Kreislauf zwischen der erlebten Praxis, den sich daraus ergebenden Fragestellungen, der Suche nach wissenschaftlich fundierten Antworten und der Überprüfung auf ihre Wirkung und Wirksamkeit. Fachlich spricht man von Handlungsforschung als „action research“, einer wissenschaftlichen Methode, mit der der Praktiker Probleme, die sich ihm stellen, systematisch untersucht, um seine Entscheidungen und Handlungen zu leiten, zu korrigieren und zu beurteilen (Corey 1953) – eine Sonderform ethnografischer Methoden. Anders als rein ethnografische Forschung will die Handlungsforschung die Lebenswelt und den Alltag verändern: In der IPT geht es nicht nur darum, die Lebenswirklichkeit eines Paares zu verstehen, sondern diese auch im Sinne der Zielorientierung zu beeinflussen.
Diese Wirklichkeiten erlebt Rudolf Sanders hautnah, wenn er in einer Gruppentherapie mit Paaren und deren Kindern über mehrere Tage in einer Bildungsstätte sein Leben teilt. Nicht nur geschieht viel Heilendes so ganz nebenbei im Miteinander, etwa in „Kamingesprächen“ nach den „offiziellen“ Therapieeinheiten – da in seinen Gruppen nach Möglichkeit Kinder parallel betreut werden, holen sie mit ihrem einfachen So-Sein und Da-Sein den familiären Alltag ins Bewusstsein. So bringt es die achtjährige Marie beim Mittagessen einmal auf den Punkt: „Wie schön Rudolf, dass meine Eltern zu dir in die Partnerschule gehen“, oder andere Kinder fragen am Ende: „Wann fahren wir da wieder in Urlaub hin?“